Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 17. April 2020

Neue Ausgabe der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ mit Schwerpunkt Politische Haft erschienen

Politische Haft ist kein historisches Phänomen. Das zeigt schon der Blick auf die wachsende Zahl an Gefängnisliteratur, die weltweit entsteht, vor allem in autoritären Staaten. Waren im 20. Jahrhundert „staatsgefährdende“ Schriftsteller und Publizisten betroffen, werden im 21. Jahrhundert zunehmend Autoren, Aktivisten und Künstler angegriffen, die online aktiv sind. So wie der saudische Blogger Raif Badawi, der seit über acht Jahren in Haft ist und vom dem es seit Januar kein Lebenszeichen mehr gibt. Er hatte sein Heimatland für mangelnde Religions- und Meinungsfreiheit kritisiert. Das Urteil gegen ihn gab einem Buch mit Badawis Texten den Titel: 10 Jahre Gefängnis und 1000 Peitschenhiebe. Sein Fall und der Protest von Menschenrechtsgruppen gegen die fortgesetzte Inhaftierung wird im neuen Heft vorgestellt.

Auch in der DDR gab es sie offiziell nicht, die „Politischen“. Sie galten als kriminell, teilten mit allen anderen Häftlingen Zellen und Gefängnisse. Angeklagt und verurteilt wurden sie aber mit politischen Paragrafen, ausgelegt und zurechtgebogen als „Verbrechen gegen die Deutsche Demokratische Republik“. Darunter zählten etwa „Ungesetzliche Sammlung von Nachrichten“, „Staatsfeindliche Verbindungen“ oder „Ungesetzlicher Grenzübertritt“. Wie viele Opfer die politische Justiz in der SBZ und der DDR fabriziert hat, ist bis heute nicht bekannt. Schätzungen reichen bis zu 250000 Personen im Zeitraum zwischen 1949 und 1989. Momentan recherchiert ein Teilprojekt des Forschungsverbundes „Landschaften der Verfolgung“, um die konkrete Zahl in einer Datenbank zu erfassen.

Weitere Beiträge im Heft beschäftigen sich mit unterschiedlichen Themen und Fragestellungen. Etwa mit der Geschichte des Jugendwerkhofs Königstein nahe Dresden, dem Ende der Stasi-Kreisdienststelle in Jena im Dezember 1989 oder einem Rückblick des ehemaligen Erlanger Oberbürgermeisters Dietmar Hahlweg auf die Ereignisse 1989/90. Ein persönlicher Bericht des Fotografen Michael Kerstgens über seine Bildreportage in Mühlhausen im Frühjahr 1990 diskutiert die spannende Frage, wie wir uns anhand von Fotografien erinnern können und wollen.

Die neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 94) ist zeitnah im lokalen Buchhandel oder direkt über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich. Durch die aktuellen Umstände und Einschränkungen (Pandemie-Schutzmaßnahmen) wird die neue Ausgabe bei unseren externen Verkaufsstellen (Museen/Gedenkstätten) voraussichtlich erst im Mai verfügbar sein.

Inhaltsverzeichnis und Leseproben von Heft 94 finden Sie hier.

Meldung vom 31. Januar 2020

„Das Betrugspotenzial ist immer noch gewaltig" – Der Doping-Aufklärer Werner Franke wird 80 Jahre alt

Der weltweit renommierte Molekularbiologe und Anti-Doping-Experte Werner Franke aus Heidelberg begeht am 31. Januar 2020 seinen 80. Geburtstag. Noch immer ist er nahezu täglich im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in seinem Labor bei der Arbeit anzutreffen.

Seit mehr als fünf Jahrzehnten widmete sich Franke zusammen mit seiner Frau Brigitte Berendonk der Aufklärung von Dopingmachenschaften im internationalen Sport. Im Jahr 1991 veröffentlichten beide das Standardwerk „Doping-Dokumente. Von der Forschung zum Betrug“, worin sie das systematische Staatsdoping in der DDR, aber auch die Dopingstrukturen in der Bundesrepublik, aufdeckten. In der Militärmedizinischen Akademie der DDR in Bad Saarow gelang es dem Ehepaar Franke-Berendonk nach dem Mauerfall, wichtige streng geheime Dopingakten vor der Vernichtung zu bewahren und international zugänglich zu machen. Besonders die Vergabe von männlichen Sexualhormonen an Mädchen und junge Frauen kritisiert Franke als schweres Verbrechen". Auch die Mitverantwortung des VEB Jenapharm  sowie beteiligter Wissenschaftler und Mediziner am DDR-Dopingsystem, hat er offengelegt.

Franke war es auch, der 1991 Strafanzeige gegen Verantwortliche des DDR-Sportsystems stellte, woraufhin viele Täter vor Gericht verurteilt wurden. Aber er brachte auch mehrere West-Doper vor Gericht. Ein Beispiel ist der einstige West-Bundestrainer in der Leichtathletik, Heinz-Jochen Spilker, der 1994 wegen des Inverkehrbringens von Anabolika bei seinen Sprinterinnen in Hamm/Westfalen verurteilt wurde. Der studierte Jurist Spilker wagte nach dem Mauerfall einen beruflichen Neuanfang in Erfurt, wo er mit Ansgard Schmidt, dem Vater des derzeit in Untersuchungshaft sitzenden mutmaßlichen Dopingarztes Mark Schmidt, zusammen eine Anwaltskanzlei führte. Deutsche Doping-Wiedervereinigung", nennt Franke die Erfurter Doping-Zentrale". Franke ist zudem als Mann der klaren Worte bekannt: Das im Dezember 2015 inkraftgetretene Anti-Doping-Gesetz hält Franke für „eine lügenhafte Verarschung des deutschen Volkes“. Er hatte lange zuvor darauf hingewiesen, dass in Deutschland das Verschwiegenheitsrecht – auch von Doping-Medizinern generell in Anspruch genommen – ein Unding sei. Selbst das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium habe seit den 1970er Jahren bekannte Doping-Mediziner geschützt. Franke hatte übrigens schon vor Jahren – im Zusammenhang mit Doping im deutschen Radteam Gerolsteiner – Strafanzeige gegen den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt erstattet.

Insbesondere hat Franke bereits vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass es schwere Erkrankungen und Todesfälle bei Sportlern geben muss, die genetisch prädisponiert (veranlagt) sind, wobei der überwiegende Teil solcher Gene in Frankes Labor entdeckt und diagnostizierbar gemacht worden sind. So hatte der hochgedopte DDR-Kugelstosser Gerd Jacobs aus Berlin eine Mutation, die bekannt dafür ist, dass sie zu Herzschäden führen kann. Was bei Jacobs zu einer Herztransplantation führte. Er verstarb im Dezember 2015.

Franke wies übrigens immer wieder auf den geringen Wissensstand der Sportmediziner hin, auch von Doping-Professoren wie Armin Klümper und Joseph Keul der Universität Freiburg. Franke hatte auch das Doping beim einst prominentesten deutschen Radrennstall Team Telekom von Jan Ullrich und Kollegen vor Gericht nachgewiesen.

Zu den mit Anabolika-Kuren zustande gekommenen Leichtathletik-Rekorden von DDR-Sportler*innen wie Marlies Göhr, Marita Koch, Heike Drechsler, Ulf Timmermann und weiteren sagt Franke: „Das ist alles eine verbrecherische Farce und wahrlich keine Orientierung für die heutige Leichtathletik-Jugend.“ Jüngst kritisierte er den Doping-Opfer-Hilfe-Verein, den er einst mitbegründete, weil dieser seiner Ansicht nach unwissenschaftlich arbeiten würde.

Brigitte Franke-Berendonk und Werner Franke im Oktober 2015 in Jena. Werner Franke hielt im Jenaer Planetarium einen Vortrag zum Thema Doping in Ost und West.
Fotograf: Thomas Purschke
 
Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg will Franke nun ein öffentliches Doping-Archiv einrichten mit vielen Prozessakten und Dokumenten aus den vergangenen Jahrzehnten. Sein Wirken bilanziert er so: Als Wissenschaftler ist es meine Pflicht, auf Missstände hinzuweisen." Zum Doping in der Gegenwart erklärt er: Heute wird aufgrund der etwas verbesserten Kontrollen zwar weniger und teils versteckter gedopt. Aber das Betrugspotenzial ist immer noch gewaltig." An seinen Ruhestand denkt er jedenfalls noch lange nicht. Auch ein Buch über die betrügerischen Pharma-Manipulationen im Weltsport habe er in Planung. Zu dem wegen etlicher Dopingfälle heftig in der Kritik stehenden Gewichtheber-Weltverband hat er eine klare Meinung: Wenn das Gewichtheben so verseucht ist, dann darf es bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio eben keine Wettkämpfe geben."
 
Thomas Purschke
Journalist, Steinbach-Hallenberg
 
 
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